Auf ein Wort

Seit Mai 2019 bin ich Geschäftsführerin des westfälischen Dombauvereins.

Mit dem täglichen Blick auf die Wiesenkirche und ihre Restaurierung wähnt man sich schnell am „schönsten Arbeitsplatz in Soest“, die Außergewöhnlichkeit erschließt sich dagegen erst allmählich. Gleich zu Beginn meiner Amtszeit geriet ich in die Vorbereitung einer feierlichen Grundsteinlegung, mit der ein neuer, historisch bedeutender Bauabschnitt gestartet wurde: die Sanierung der Traufgesimszone, die das ganze Bauwerk einmal umläuft.

Die handschriftlich in einem Zug erdachte und geschriebene Urkunde zur Grundsteinlegung trägt die Überschrift „Aus der Raumzeit einer Kathedrale“. Welch wunderbar einfaches, in die Tiefe gehendes Wort – und später fiel mir noch so ein merkwürdiger Satz auf: „Wir verbinden unsere Zuversicht mit der Hoffnung tatkräftig, dass die Menschheit ihren technischen Bedarf an der Verträglichkeit in der Natur der Schöpfung orientiert, und Verpflichtung zum Frieden wahrnimmt“. Solch ein, aus dem praktischen Baugeschehen quasi beiläufig ausgedrücktes Hineinstellen in die Zeitläufte – das fordert mich als Historikerin auf neue, auf erweitere Art.

Und ich begann, Ereignisse und Entwicklungen aus der jüngeren Geschichte „unserer“ Westfälischen Dombauhütte zu betrachten:
Ausgangspunkt aller der jüngeren Vergangenheit entstammenden Ereignisse ist die Errichtung dieser dritten Dombauhütte an St. Maria zur Wiese durch die Landesregierung NRW als „Zentrum für Theorie, Praxis, Forschung und Entwicklung neuer Denkmaltechniken“. Diese wurde 1994 durch Ministerpräsident Johannes Rau eröffnet. Auch die Kosten der Restaurierung werden bis zum heutigen Tage hauptsächlich vom Land NRW getragen.

Meilensteine aus der Raumzeit einer Kathedrale

1997: In der Dombauhütte wird gemeinsam mit der Kammer Dortmund eine Meisterschule für Steinmetze und Steinbildhauer eröffnet. mehr

1998: Begründung der „Soester Runde“ als regelmäßiges, internationales Zusammentreffen von Fachexperten zu Fragen der beruflichen Bildung; direkt daraus ging 2003 die EACD und dann noch der Titel und die Qualifizierung des EMC, european master of craft hervor. mehr

1999: Grundsteinlegung für den Nordturm; die Urkunde dafür überschrieb der Dombaumeister gemäß dem damaligen Wort zum Tage so: „Gottes Hilfe habe ich erfahren bis zum heutigen Tag und stehe nun hier und bin sein Zeuge“. Und ein Stein aus eben diesem Nordturm wurde danach, mit der exakt gleichen Inschrift an die Dresdner Frauenkirche überbracht, wo er heute eingemauert zuerst im Treppenaufgang zur Kuppel von der Freundschaft und Verbindung kündet. mehr

2002/03: Vollendung der ersten Südturmetage inklusive Erneuerung des Glockenstuhls und Hängung von sieben neuen Glocken. Dies wurde komplett und ausschließlich von zusätzlichen Spenden finanziert, Spendengaben, die in der Grundsteinlegung am Nordturm ihren Anfang nahmen. mehr

2003: Vollendung der Glaslandschaft durch 17 neue Fenster, die wiederum allesamt durch Spenden finanziert wurden, was ebenfalls seinen Lauf genommen hatte wegen der Leistungen der Dombauhütte, so äußerte sich der erstspendende Initiator dieser Kampagne.

2006: Abschluss des integrativen Recyclingprojektes Kinderfeldkirche nach 7 Jahren Freizeitarbeit. mehr

2006: Gründung und Eröffnung des Grünsandsteinmuseums. mehr

2007: Errichtung einer Stele mit Thema DER GEIST UND DIE GOLDENE REGEL / DER GEIST WEHT WO ER WILL für die 6 Weltreligionen, aus Marmor und Grünsandstein, als Urlaubsarbeit in Südtirol. mehr

2013: Punktgenaue Vollendung des Südturms zum 700jährigen Jubiläum der Grundsteinlegung. mehr

2016: Setzung des Kreuzblumenknaufs mit DONA NOBIS PACEM durch einen Helikopter auf die Spitze des Nordturmes, nach Sanierung des Maßwerkhelmes. mehr

2016-2019: Restaurierung der historischen Fenster in den Chören und an der Nordseite inklusive der Anbringung einer neuen Schutzverglasung.

2019: Eintrag das Bauhüttenwesen als nationales Immaterielles Kulturerbe der UNESCO. mehr

Diese schlichte Liste dokumentiert das Arbeitspensum aus Jahrzehnten mit dem, nennen wir es „ideellen Horizont“ dieser Einrichtung aus ihrem Bau- und Zeitgeschehen.

Und dieser ist weit gefasst: Er schließt sich weiter in der aktuellen Gegenwart: Das große WDR-Konzert der Landes „NRW feiert Advent“ am 21. Dezember in der Wiesenkirche steht unmittelbar bevor. Mit dem konzertanten Abschluss des aktuellen Jahres wird das Ende der aktiven Dienstzeit von Dombaumeister Jürgen Prigl begangen, dem Spiritus Rector des gesamten Baugeschehens und aller Aktivitäten von Bauhütte und Dombauverein in den vergangenen 28 Jahren.

Jenseits dieses persönlichen Aspektes steht das Adventskonzert 2019 in einer langen Kontinuität. Wiederholt beging die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen als Träger der umfassenden Restaurierungsarbeiten den feierlichen Jahresabschluss in „ihrer“ Wiesenkirche.

„Das Beste dem Werk“ – die Losung der Westfälischen Dombauhütte„Zur Dreifachen Treue“ ist nun auch für mich Ansporn für das eigene Tun. Darüber hinaus begreife ich ihn als Aufforderung an alle Interessierten, teilzuhaben, mitzuwirken. Fühlen Sie sich eingeladen, fühlen Sie sich gut aufgehoben.

Herzlichst Ihre Bärbel Cöppicus-Wex.